
Das Fenster ist nicht groß, aber groß genug, um mir den Blick auf die Freiheit zu ermöglichen.
Draußen hängt noch die Morgendämmerung über den Bäumen und Dächern. Die Sonne geht gerade erst auf. Ich setze mich auf meinen Schreibtischstuhl und höre das Seufzen meiner Hüften und meines unteren Rückens. Die Holzrahmen in der Fensterscheibe sehen aus wie Gitterstäbe.
Noch ist es ruhig um mich herum, sodass ich die Stimme in mir hören kann. Die Stimme, die mich daran erinnert, was ich jetzt stattdessen tun könnte. Ich könnte noch schlafen, wie die Vögel im Rhythmus mit der Natur. Ich könnte den Tag mit Sport beginnen, mit einem guten Frühstück und mich dann dem widmen, wovon ich träume, tagein und tagaus. Ich möchte so sein, wie die Menschen, die ich bewundere, die die draußen sind, jenseits dieses Fensters. Die, die sich für Freiheit entschieden haben. Mein Körper lechzt nach dieser Freiheit. Ich habe es mir selbst versprochen in meinem letzten Freigang, als ich die Leidenschaft durch meine Adern habe pulsieren spüren wie nie zuvor. Die Stimme in mir war laut, so still war es zwischen den Jahren um mich herum. Doch die Diplome an der Wand über meinem Schreibtisch schauen streng auf mich herab wie die Gefängniswärter, die sie sind. Sie erinnern mich an die Dinge, die von mir erwartet werden. Ich tauche ein in die Realität vor mir, in den Aufgabenberg, der nur dazu da zu sein scheint, um mich zu beschäftigen. Ich erledige eins nach dem anderen, wie ein Gefangener der die vorübergehenden Tage in den Wänden seiner Zelle markiert. Mittlerweile steht die Sonne draußen hoch am Himmel, helles Licht flutet den kalten Wintertag. Ich möchte nach draußen gehen, Sonne und Wind auf meinen Wangen spüren und die eisige Luft einatmen. Ich möchte rennen und meine Beine und Lungen brennen spüren. Ich möchte spüren, dass ich am Leben bin. Aber wir bleiben im Büro in der Mittagspause und das Gerede der andern macht die Stimme in mir leiser. Sie wirkt kindisch im Vergleich zu den erwachsenen Themen, die meine Ohren füllen. Wir reden über Pflichten, Verantwortungen und Sorgen. Stabilität und Sicherheit. Wir haben Pläne für das Wochenende, als würden wir erst an diesen beiden Tagen erwachen. Die Eltern erzählen von ihren Kindern und mich beschleicht der Gedanke, dass sie das Leben haben sollen, das sie verpasst haben. Beim grauenvollen Kaffee aus der Maschine kommt mir der Gedanke, dass es sich so anhören muss, wenn man aufgibt und sich seinem Schicksal fügt. Viellicht ist es befreiend die Verantwortung für das eigene Leben abzugeben. Vielleicht ist es leichter der Menge zu folgen. Die Höhen mögen nicht so schwindelerregend sein, wie die Höhen eines Adlers in Freiheit, aber die Tiefen sind auch nicht so tief, wie die Tiefen in Freiheit. Es ist das Mittelmaß. Wieso kann mir das nicht reichen? Ich denke die Zeit tickt zu meinen Gunsten, bis mir klar wird, dass die restlichen Stunden bis zum Feierabend Stunden sind, die ich nie wieder bekomme. Und das ich ganz allein dieses Gefängnis baue.
Als ich endlich vor die Tür trete, scheinen mir die letzten Sonnenstrahlen ins Gesicht. Freiheit. Endlich. Zumindest für ein paar Stunden. Vielleicht übertreibe ich. Vielleicht muss ich nur meinen Blickwinkel ändern. Jetzt bin ich nicht bereit dazu, eine Entscheidung zu treffen, die mein Leben verändern könnte.
Vielleicht morgen.
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