
Der Sitzungssaal füllt sich so langsam. Wie erwartet sind neben den Aktiven vor allem ältere Herren aus dem Ort gekommen. Bier und Apfelwein werden kostenlos ausgegeben, das Öffnen der Flaschen zischt regelmäßig durch den Raum, in das Geraune der Unterhaltungen. Ich hole mir ein Bier und setze mich wieder auf meinen Platz in der ersten Reihe. Als ich aufsehe, sehen wir uns plötzlich in die Augen.
Sie hat braune Augen, die mich undurchdringlich ansehen. Ich habe keine Ahnung, ob sie mich wiedererkennt oder ob etwas anderes in ihrem Blick liegt. Aber ich halte ihrem Blick nicht stand. Ich bin die Böse in diesem Stück. Und sie wird wissen, was ich getan habe. Die Frage ist nur, ob sie alles weiß. Ob sie das ganze Ausmaß kennt.
Ich schaue in meinen Schoß und trinke einen Schluck Bier. Dann wird die Versammlung eröffnet. Ihre Mutter beginnt mit einer Rede zu den Geldsummen, die unser Sportverein jährlich auf dem Sommerfest einnimmt, als müsste sie noch Anwesende im Raum davon überzeugen, als freiwillige Helfer mitzumachen. Die meisten hier fiebern diesem Tag im Juli wahrscheinlich schon seit dem Kater nach dem letzten Fest entgegen. Ich war seit Jahren nicht mehr auf dem Fest.
Die Verteilung der Aufgaben geht zügig voran. Weinstand, Bierwagen, Flammkuchenhaus … die üblichen Stände auf Volksfesten, für jeden Stand melden sich Freiwillige für die Schichten. Ich schiele wieder vorsichtig zu ihr. Sie hat ihren Kopf gesenkt, schaut auf ihre Nägel, knabbert ab und zu an einem herum. Als wäre sie in Gedanken ganz weit weg. Als wäre sie durch meinen Anblick in eine Erinnerung transportiert worden. Der erste Abend, an dem sie auf ihrem Handy eine Nachricht von mir erspähte. Der Moment, in dem sie es begriff.
Sie blickt kaum in den halb gefüllten Saal. Ich frage mich, ob sie überhaupt zuhört, doch sobald eine neue Schicht verteilt ist, notiert sie als Schriftführerin pflichtbewusst die Namen der Freiwilligen. „Dann kommen mer noch zu uns’rem letzten Stand. Die Cocktailhütte oder Longdrinkhütte, ich weiß net genau, aber ihr wisst ja, was gemeint ist. Das machen ja traditionell der Paul und die Pia“, sie deutet auf ihre beiden Kinder, die sie flankieren. Paul der Kassenwart, zu ihrer Rechten, Pia zu ihrer Linken. „Jetzt ist der Paul da aber im Urlaub und für die Pia allein wird der Abend zu lang. Finden mehr da einen Freiwilligen? Große Vorkenntnisse braucht man da ja eigentlich net, oder?“ Die Frage ist an ihren Sohn gerichtet, der ihr sofort widerspricht, um klarzumachen, das auch Pia nur durch ihn und seinen Cocktailkurs das richtige Mischen gelernt oder sich abgeguckt hat. Die Person, die ihn vertrete, solle schon Ahnung haben. Pia schaltet sich ein, um zu sagen, dass es nicht so schwer sei und sich bestimmt niemand finde, mit einer 1+ im Cocktailmixen. Ich bin fasziniert davon, wie Pia versucht, zwischen ihrer Mutter und ihrem Bruder die Wogen zu glätten. Es passt genau zu der Beschreibung über sie.
Ich bin die Glückliche in dem Stück. Ich habe niemanden betrogen, noch wurde ich betrogen. Ich kann mir das hier mit heimlicher Freude ansehen, mit mehr Wissen, als ich haben sollte.
„Na gut, wenn sich niemand findet, lassen mer diesmal die Cocktails. Ganz einfach.“ Das stößt auf Widerspruch im ganzen Saal und ehe ich die Gefahr kommen sehen kann, ruft mein Trainerkollege neben mir durch den Saal: „Die Alex war mal Barkeeperin, die kann sowas!“ Ich habe das Gefühl, alle Augen richten sich auf mich. Sicher weiß ich nur, dass ihre Mutter mich anstarrt. „Achso. Das ist ja super. Würdest du das mit der Pia machen?“ Meine Augen gleiten zu ihrer Tochter, die mich ebenfalls anstarrt. Und ich habe keine andere Wahl als zuzustimmen. Einen winzigen Augenblick bereitet es mir sogar eine diebische Freude, als ich meine, den Schock in ihrer Miene zu sehen.
„Musste das sein? Ich will nicht den ganzen Abend mit ihr in der kleinen Hütte Drinks mixen!“, raune ich Lukas zu, als ihre Mutter die Versammlung eine halbe Stunde später beendet – mit dem Hinweis, das noch Getränke und Rindswürste für alle warten. Stühlerücken ist zu hören, der Geruch nach Wurst und Bier ist allgegenwärtig.
„Ach komm, so schlimm wird es schon nicht.“
„Hast du schon vergessen, dass …“
„Nein, aber ich will im Juli Cocktails trinken. Und du kannst das.“
Die Versammlungsgäste verteilen sich im Raum, beißen von ihren Rindswürsten ab und schlürfen ihr Bier. Ich schüttelte den Kopf. „Na komm, ich hole dir noch ein Bier.“
„Nein danke. Ich gehe jetzt. Ich muss morgen früh raus.“ Ohne Lukas noch einmal anzusehen, verlasse ich meinen Stuhl. Ich bahne mir meinen Weg durch die Anwesenden, durch ihre Unterhaltungen, ihr Gelächter und den Rindswurst- und Bierduft. Ich verlasse das Bürgerzentrum und werde von lauer Frühlingsluft empfangen. Es ist bereits dunkel draußen und so sehe ich sie nicht sofort. Es ist der Nikotingeruch, der mich aufsehen lässt. Pia steht etwas rechts vom Eingang neben einem Mülleimer. Ich muss direkt an ihr vorbei, um zum Parkplatz zu kommen. Unsere Blicke begegnen sich, während sie eine Rauchwolke ausstößt. Und ich höre die Frage, ehe sie ihre schmalen Lippen verlässt, sehe sie in ihren Augen trotz des schemenhaften Lichts, das aus dem Bürgerzentrum auf sie fällt.
„Du bist Alex, oder?“
Meine Schritte, die einzigen Störenfriede in der Stille, verharren. Ich nicke.
„Warst du Barkeeperin im Dorfgrill oben neben der Halle?“ Sie zieht ungerührt an ihrer Zigarette. Ich schlucke. Sie ist ein paar Jahre älter als ich, Jahre, die es nicht gut mit ihr gemeint haben können. Ihre Haut sieht müde und fahl aus, ihre langen Haare sind dünne und kraftlos. Ihre Bewegungen wirken seltsam ungelenk. Ich frage mich, ob das an alldem liegt was geschehen ist oder ob es zumindest damit zusammenhängt. Aber ich zwinge mich, mich auf die Frage zu konzentrieren.
„Ja. Ist schon ein paar Jahre her.“ Sie sieht mich an, bläst rücksichtsvoll den Rauch zur Seite, sieht mich unverwandt an. Ich rechne damit, dass sie fragt, wie viele Jahre genau das her ist. Oder ob ich Johanna kenne. Immerhin sind im Dorfgrill viele Mannschaften nach Trainings und Spielen in der Halle eingefallen. Unzählige Siege, Weihnachtsfeiern und auch Saisonabschlussfeiern wurden bei uns begossen. Aber sie sagt nichts weiter dazu. Sie nickt stattdessen.
Und mir ist, als sei ich plötzlich die Dumme in dem Stück. Die, die wirklich dachte, dass das mehr ist als nur eine Affäre. Dass sie für mich wirklich ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen würde. Die, die dachte, das Liebe über Pragmatismus steht. In ihrem Alter weiß man es besser.
„Dann sollten wir uns vor dem Fest nochmal zusammensetzen und besprechen was wir anbieten, oder?“ Die Augen hinter der Brille geben noch immer nichts preis, sehen mich an.
„Wirklich? … Ich dachte, das wird vorgegeben.“
„Von wem denn?“ Ihre Hand zögert auf dem Weg, die Zigarette zu ihrem Mund zu führen. Ein belustigtes Grinsen, als würde sie meine Naivität amüsieren zeichnet sich auf ihrem Gesicht ab. Vielleicht versteht sie, warum sie etwas mit mir angefangen hat. Vielleicht hätte auch Pia nichts gegen eine Nacht mit mir einzuwenden. Es lässt sie beinahe freundlich aussehen.
„Naja …“ Mir fällt nichts ein, um den Satz zu beenden.
„Wenn du willst, können wir das nächsten Mittwoch machen.“ Sie sagt es beiläufig, als wäre ihr nicht viel an meiner Antwort gelegen. Und nimmt einen letzten Zug ihrer Zigarette, ehe sie sie ausdrückt. Ich frage mich, ob sie weiß, was sie da tut. Ich frage mich, ob ich weiß, was ich tue.
„Okay.“
Wir einigen uns auf 19 Uhr. Sie gibt mir ihre Adresse, die ich längst habe. Dann verabschieden wir uns. Meine Schritte in der Dunkelheit auf dem Weg zu meinem Auto sind schnell. Aber ich weiß nicht, ob sie von ihr wegrennen oder auf den Mittwochabend zu rennen. Etwas in mir ist aufgewacht, zum Leben erwacht. Etwas Mächtiges. Als hätte ich etwas abgeschüttelt. Als wäre etwas in mir erwacht fühle ich mich lebendig wie lange nicht mehr.
Niemand von uns ist unschuldig und niemand hat Schuld.
Es ist, als wäre ich erwachsen geworden.
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